Anna Böhler (1740-1809)

Lebenslauf der am 10ten May 1809 in Bethlehem
selig entschlafenen verw. Schwr. Anna Bohler+, geb. Rosen+[vormalige Unger]

Ich bin geboren d. 1ten Januar 1740 in Germantown
im County Philadelphia im Staat Pensylvanien.
Mein sel. Vater war Peter Rose[1], ein geborener Böhme,
welcher um seiner Gewißens Freyheit willen, u. um seiner
Seligkeit gewiß zu werden, so wie ebenfals meine liebe
Mutter Catharina Huberin aus Mähren ausging;
u beyde kamen nach Herrnhut. kamen.  Als ich 3 Monat alt war
ging mein Vater selig heim in Germantown, wo sie vor
kurzem von Georgien hingezogen waren, weil die Geschwr.
wegen der Kriegs Unruhen nicht länger dort bleiben konn-
ten.[2]  Er hinterließ meiner sel. Mutter 2 kleine Kinder,
u. sie war noch ein fremdling im Lande, bis der sel. Graf
v. Zinzendorf Anno 1742 ins Land kam.  Er suchte sie balde
auf; u. da sie hörte, daß in Bethlehem eine Gemeine
angefangen wurde, war sie froh, u. zog mit mir u. mein-
er Schwester hieher nach Bethlehem, da ich etwas über
2 Jahre alt war; wo wir die 2 ersten Kinder waren.  Als
sich nachher mehrere Kinder einfanden, wurde eine Kinder-
Anstalt mit uns angefangen, welche sich bald so vermehrte,
daß die ganze Anstalt nach Nazareth zog, weil hier nicht
Platz genug war. Ich erinnere mich noch mit vielem Vergnü-
gen an die selige Zeiten, die ich in meinen Kinder Jahren
hatte, Ob wir gleich sehr harte u. strenge Behandlung hatten;
so hatte doch das selige Gefühl, das unter uns waltete,
das Uebergewicht.  Ich war damals noch nicht getauft, u.
/// krigte daher, bey Gelegenheit der Taufe etlicher Kinder die von in
meinem Alter waren ein großes Verlangen darnach, u. bat den
lieben Heiland kindlich um diese Gnade, welche mir
auch den 18ten Sept. 1748 in meinem 8ten Jahre zu theil
wurde durch unsern l. Br. Spangenberg.  Ob ich gleich es
nicht so recht verstand, so fühlte ich doch die Kraft des Blutes
Jesu, das mich überströmte, an meinem Herzen, es war
mir innig wohl, u. ich war dem Heiland kindlich dankbar
daß Er meine Bitte erhört hatte.  Bald darauf sollte eine
Kinder Anstalt in Emaus angefangen werden, welches uns
in einer Versammlung bekannt gemacht wurde.  Da Br.
Spangenberg gerne ein paar glühende Kohlen* aus unsrer * wie er sich ausdrückte
Mitte dazu haben wollte, so wurde ich mit noch 2 Kindern
dahin geschickt, dieselbe anzufangen.  Das war eine schwere
Probe, aus unsrer schönen Anstalt in Nazareth in ein
leeres Haus u. in den Busch zu ziehen; ich konnte nicht
eingewohnen; wir hatten wol vielen Besuch u. Aufmun-
terung von Bethlehem, aber unser Verlangen blieb immer
wieder in unsre Anstalt zurück zukommen.  Es glückte
uns auch balde, weil die Anstalt sehr zu nahm, daß
wir auf unser anhaltendes Bitten wieder nach Bethlehm
zogen; u. da die Kinder Anstalt von Nazareth nach
Germantown ziehen sollte mußte, so zogen wir auch mit dahin
und ich hatte daselbst wieder eine recht selige Zeit.  Die Anstalt
nahm, durch viele Kinder, die von Philadelphia hieher
zogen, balde sehr zu, u. es war uns besonders angenehm daß
/// daß Br. Spangenberg, der damals in Philada. wohnte, uns
sehr fleißig besuchte.  Einmal hatten wir auch das Ver-
gnügen zu Füße dahin zu gehen u. einen Kinder Bettag
daselbst zu haben.  1750 im Aprill zog ich wieder mit
der ganzen Kinder Anstalt nach Bethlehem, wo wir eine
kurze Zeit jenseit der Lecha wohnen mußten, bis das
Haus, das für uns gebaut wurde, fertig war.  1751 be-
zogen wir daßelbe.  Am 25t Merz desselben Jahres
wurde ich ins größere Mädchen Chor aufgenommen.  In
dieser Zeit gab es viele Ausschweifungen; ich lebte
recht in den Tag hinein, u. vergaß, was der Heiland in
meinen Kinder Jahren an meinen Herzen gethan hatte;
ja ich dachte, mein in der Gemeine Geboren u. Erzogen
seyn, wäre der stärkste Beweiß davon, daß ich nicht
verlohren gehen könte.  Ich blieb wol nicht ohne Erinnerung
in meinem Herzen, über meinen schlechten Zustand, aber
ich suchte dieselbe mit aller Macht zu unterdrücken.
Der treue Heiland ging mir jedoch unermüdet nach, u.
in meinem 17ten Jahre faßte Er mein Herz so kräftig
an, daß mir angst u. bange wurde.  Ich fühlte mich ver-
loren u. verdammt, doch schenkte Er mir zugleich ein kindliches
Vertrauen zu Ihm, so daß ich getrost glauben konnte, daß
Er noch Friedens Gedanken über mich habe, u. die Gnaden
Thüre für mich noch offen stünde; aber es kostete gar
manches banges Herzklopfen u. heiße Thränen an {über} die
in Gleichgültigkeit verbrachte Zeit zu denken; da ich Ihn
doch schon in meinen Kinderjahren geliebt, geschmeckt u.
/// gefühlt hatte u. nun wieder von Herzen darum
beten u. seufzen mußte: Ach wo krig ich Jesum her!
da mengten sich Zweifel darein, ob Er sich meiner wieder
erbarmen u. mich aus Gnaden annehmen würde; der
gute Heiland half mir aber, u. schenkte mir das Ver-
trauen zu Ihm, daß Er mir alles vergeben habe, worü-
ber ich bekümmert u. verlegen war.  D. 1t Jan. 1756
als an meinem Geburtstag wurde ich Candidatin zum
heil. Abmhl. das war mein fröhlichster Geburtstag
seit dem ich aus dem Kinder Chor gekommen.  Ich fühlte
einen solchen Gottes Frieden dabey, daß ich mir fast
nicht recht gegenwärtig war.  Der Anblick der Gemeine
u. was ich auf dem Saal sahe, erfüllte mein Herz
mit einer tiefen Ehrfurcht u. sehnlichem Verlangen
es lieber gleich mit zu genießen, welches mir auch
blieb, bis ich–aber erst nach 3 Monaten, neml. d. 7t
April d. J. am Gründonnerstage–die Gnade hatte
das erstemal mit zum h. Abmhl. zu gehen.  Ach wie
selig war ich!  ich fühlte mich so beschämt u. dankbar
gegen den Heiland, daß ich nur hätte mögen beständig
zu Seinen Füßen meinen Dank vergießen.  Ich hatte
nachher unaussprechlich selige Zeiten; der Umgang
mit dem l. Heiland war in Wahrheit alles wonach ich
mich sehnte; ja es war mir ofte als wenn ich es mit
Ihm ganz allein zu thun hätte, ich kam auch bald dar-
auf ins Stunden Gebet, welches mich noch näher an Ihn
/// Ihn zog u. die Stunden, welche ich nie ohne Noth ver-
säumte, trugen mir viel für mein Herz aus, inson-
derheit gewöhnte ich mich daran, über kleines u. großes
mit Ihm aus zu reden.  1758 d. 4t May wurde ich ins
led. SchwesternChor  aufgenommen, u. kam das Jahr dar-
auf zu den Kindern, wo es manches zu lernen gab von
allerley Arten, der Heiland half mir aber gnädig durch
alles Schwere durch; was ich zu erfahren hatte.  1761
kam ich zu den größern Mädchen.  In der Zeit lernte ich
mich erst gründlich kennen.  Ich kam in die größte Verle-
genheit über mich, fühlte auch das Vertrauen zum l.
Heiland nicht mehr so, wie ich es gewohnt war, ja ich
glaubte es wäre in der ganzen Welt kein Mensch so
schlecht wie ich mich fühlte; ich behielt es aber ganz alleine
für mich u. quälte mich Tag und Nacht, u. glaubte mich
verlohren; ich {u.} faßte den Gedanken: ich bin nicht zum
Seligwerden erwählt.  Beten konnte ich auch nicht, u. war
doch in einer solchen Preße, daß ich nicht wußte was ich
thun sollte u. wo ich mich hinwenden sollte; denn ich
hatte mein Vertrauen zum Heiland fast ganz verlohren,
ach Gott! wie war mir dazu Muthe.  Darauf hatte ich
einen merkwürdigen Traum.  Es kam mir vor, als wären {wenn}
2 Engel beym Abmhl. auf dem Saal herum gingen, u.
drückten allen Geschwistern ein Siegel auf die Stirne,
mich gingen sie vorbey;  ich {aber} faßte doch das Herz sie zu fra-
gen; was das {zu} bedeuten {habe} solle?  Antwort: die das Siegel
an ihren Stirnen hätten, würden balde ihren Herrn schau-
en, ich fragte mit Zittern: werde ich Ihn denn nicht sehen?  Antw.
/// Antwort: ohne Glauben kan niemand den Herrn
schauen, denn nicht glauben ist die größte Sünde.  Ich
antwortete ganz kleinlaut;  ich habe doch um Ihn geweint,
u. brach so in Thränen aus, daß ich darüber erwachte,
{u}. aus dem Bette in meine Stube ging; u. {da} schüttelte {ich} mein
geängstetes Herz mit tausend Thränen vor meinem
treuen Heiland aus, konnte aber nichts sagen als mit
David ausrufen: Schaffe in mir Gott ein reines Herz
u. gib mir einen neuen gewissen Geist.  Aber mein
Herz wurde aufgelebt; ich krigte einen Blick von Ihm
wie Er am Oelberg auch für mich das schwere Leiden
ausgestanden hat, u. konnte mir es zu eignen; und Er
schenkte mir die Gnade zu glauben, daß Er da auch
für mich gezittert u. gebebt habe u. auch meine Sünden
abgebüßt habe.  Da konnte ich sagen mit tröstlichem
Gefühl: Ich danke dir von Herzen o Jesu, Freund in
Noth, für deine Seelen Schmerzen, u. Marter bis in
den Tod.  Von da an wußte ich durch Seine Gnade mir
Sein Verdienst u. Leiden recht anzuwenden {zu Nuze zu machen}; da ver-
schwand aller Zweifel u. Unglaube, der mich so lange
geplagt hatte.  Ich krigte auch ein Vertrauen zu meiner
Arbeiterin u. konnte mit ihr über alles ausreden u. es
war mir Gnade mich ihr so, wie ich mich fühlte, mit zu-
theilen; u. der Heiland legte /gewiß/ einen aparten Segen
darauf; denn ich fühlte mich wie ein ganz anderer Mensch;
gewiß tief beschämt, über Seine große Barmherzigkeit
an mir Armen: aber doch, vollkommen getröstet, konnte ich
wieder meinen Gang gehen, u. mich kindlich an Ihn halten
/// ten bey allem Elend u. Gebrechen; bey hellen u. trüben
Tagen war Er mein Trost u. meine Zuversicht.  Ueber-
haupt muß ich gestehen, daß ich in den 9 Jahren, die ich
bey den großen Mädchen gewohnt habe, welche ich zärtlich
liebte, viel Segen für mein Herz genoßen habe.  Ihr Ge-
deihen lag mir sehr am Herzen u. der Heiland hat mich
auch viel Freude an ihnen sehen laßen.  /sehr viele davon
sind in der Gemeine brauchbare Schwestern geworden/
worüber ich mich von Herzen freue.  1771 d. 15t Octbr. krigte
ich den Ruf {Antrag} mit dem nun selg. Br. Friedrich Unger
in die Ehe zu treten u. auch zugleich den Ruf mit ihm
der Gemeine in Philadelphia zu dienen.  Ich nahm dieses
im Vertrauen auf den Heiland an, ob es mich gleich viel kostete.
d. 25t ged. Monts wurden wir getraut u. zogen darauf
nach Philadelphia u. dienten dem Gemeinlein daselbst
etliche Jahre.  Der Heiland erfreuete uns hier mit der Ge-
burt einer Tochter Anna Friedricka, welche jezt an den
Br. Nath. Bro[a]wn verheirathet ist.[3]


[1] Nach Felix Moeschler, Alte Herrnhuter Familien (Herrnhut: Missionsbuchhandlung, 1922) einer der alten Herrnhuter Familien, die aus Böhmen gekommen sind (S. 115).

[2] Die mißlungene Siedlung in Georgien, angefangen 1735, ging wegen Krieg zwischen England und Spanien zu Ende.  Von den neun Siedlern gingen zwei nach Pennsylvanien.  Rose ist nach Germantown gegangen und hat die Gemeine verlassen–daher die Bekannschaft des Grafen mit der Familie.  (Levering S. 34)

[3]     *von welcher sie [wir] Zwey Enckel Töchter erlebt haben.

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