Anna Hasse (1743-1786)

{Beylage zum Monat Merz 1786}

Lebenslauf der verehlichten Schwester Anna

Hassin

welche am 16ten Merz in Bethlehem selig verschied.

Sie hat selbst folgendes auf ihrem Krankenbette auf-
zeichnen laßen:

“Ich bin am 4ten Jan. 1743 in London geboren.
Mein Vater John Chase war ein Hutmacher und
Unter-Officier bey der Königlichen Grenadier-Guarde
zu Pferd, Presbyterianischer Religion, und meine Mutter
Sarah, geborne Copper, von der Englischen Kirche.  Leztere,
welche so viel wir wißen, noch am Leben ist und zur Brü-
der-Gemeine in London gehört, auch vom ersten An-
fang, da die Brüder nach England kamen mit ihnen
bekannt worden, nahm mich als ein Kind, und auch meine
älteste Schwester, zuweilen heimlich gegen meines Va-
ters Willen mit in die Kinderstunden, darinn ich
auch den ersten Eindruck vom Heiland kriegte.  In dem-
selben Jahr 1747 nahm mich meine Tante die Schwester
Church auf einige Wochen zu sich, da ich denn Gelegen-
heit hatte, die Kinderstunden ohne Hinderung zu besuchen.
In meinem 8ten oder 9ten Jahre kam mein Vater mit
dem Br. Ockertshausen in Bekanntschaft, wodurch unsre
Mutter und wir Kinder mehrere Freyheit in Ansehung
des Umgangs mit Geschwistern bekamen.  Ich besuchte
von da an die Schulen der Brüder.  Allein mein sehr ///
munteres Gemüth verlor auch nach und nach den Eindruck vom
Heiland, und wurde durch die Gesellschaft andrer Kinder
oft leichtsinnig und ausschweifend.  Von meinem 13ten
Jahre an begab ich mich, um unsere Eltern unser Durch-
kommen zu erleichtern, und mein Glück zu versuchen, bey
andern Familien in Dienste.  Da es mir in einer zu
stille und religiös war, so ging ich in andere, wo es mei-
ner Neigung gemäß mehr nach den Moden und Lustbar-
keiten der Welt herging.  Ich vermied dabey sorgfältig
alle Gemeinschaft mit den Geschwistern, und wünschte
allen Eindruck vom Heiland und alle Anhänglichkeit an
die Gemeine ganz verlieren zu können; es blieb aber
etwas wider meinen Willen zurück, und der Heiland
ließ es nicht zu, daß ich ganz in der Welt wäre ver-
strickt worden.  Auch ruheten meine Mutter und
Anverwandte nicht, weil sie meinen Ruin vor Augen
sahen, bis sie mich aus der Familie weg und zu Geschw.
Mail’s in Dienste brachten, ihre kleine Tochter zu warten.
Da ich einstmals in der Abwesenheit der Geschw. Mails
mit andern von meiner gleichgesinnten Gesellschaft zu
einer öffentlichen Lustbarkeit gehen wolte, u. unser
Weg durch Fetterlane ging, fiel mir aus Neugier ein,
die Abend-Predigt in der Brüder-Capelle zu besuchen,
/// die Bruder Gambold über die Worte hielt: kommt her
zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seyd usw., welche
einen so tiefen Eindruck auf mein Herz machte, daß ich
meine Gesellschaft drüber vergaß, nach Hause ging und die
Nacht hindurch mit Thränen verbrachte.  Ich rechne von da
an meine gründliche Erweckung, und kriegte die Ver-
sicherung, daß mich der Heiland nicht laßen werde.  Ich
besuchte die ledigen Schwestern nun öfter als vorher,
wurde 1761 im Jan. in die Societae  t und im Juny die-
ses Jahrs in die Gemeine aufgenommen.  Es war mein
Ernst, für den Heiland zu gedeihen, und meine Gnaden-
wahl blieb mir auch bey allen nachherigen Abwechse-
lungen feste.  Im Jahr 1763 wurde ich ein Mitgenoß
des heiligen Abendmahls und zog bald darauf zu den
ledigen Schwestern, wo ich besonders auch durch die treue
Pflege der Schw. Elis. v. Seidliz viel Gutes genoßen habe.
In dem Jahre ging mein lieber Vater, der in seiner Kranck-
heit fleißig von Brüdern besucht wurde, die er lieb be-
kommen hatte, selig aus der Zeit.  Da das ledige
Schwestern Chor ihr Haus abgeben mußte und ein Theil
davon in die Welt ging, kam ich auch in Versuchung,
besonders da ich durch meine Neh-Arbeit einen reichlichen
Verdienst hatte, ein gleiches zu thun.  Der Heiland ///
erhielt mich aber doch, und ich hielt aus Besorgniß, daß
ich nicht treu bleiben möchte, um Erlaubniß an, in eine
teutsche Gemeine zu kommen.  Diese erhielt ich im Jahr
1767, da unser l. Br. Johannes und Schw. Benigna
in London waren, die mich in ihrer Gesellschaft mit
nach Zeist nahmen, wo ich ob wol nur kurze Zeit in dasi-
gem Chorhause sehr vergnügt und selig war: denn noch
im October desselben Jahres wurde mir die Heyrath
mit meinem Mann und zugleich den Ruf nach Jamaica
mit ihm zu gehen angetragen, welches mir wol schwer
wurde anzunehmen, doch machte mirs den Heiland so,
mich dazu zu resolviren.  Wir wurden am 27ten Nov
dieses Jahrs getraut, und hatten in der liebreichen Pflege
des Br. Johannes und Schw. Benigna eine selige
Zeit”  So weit sie selbst.

Sie reisten Anfangs Februar 1768 über England nach
Jamaica, wo sie im Juny in Carmel ankamen,
und die Besorgung der Oeconomie übernahmen,
darinn sie mit ihrer Neh- und Stück-Arbeit, worinn
sie viele Geschicklichkeit besaß, fleißig und einträg-
lich mit diente.  Schwere und unangenehme äußere
und innere Umstände dieses Postens veranlaßten
sie, ihre Ablösung bey der Unitaets-Aelt. Conf.
/// zu suchen, die sie mit der Anweisung nach Bethlehem
zu gehen, im Jahr 1771 erhielten.  Sie kamen am 30ten
May dieses Jahres, bey dem hierseyn der Brüder Gregor
u. Lorez allhier an, und wurden so gut es nur immer mög-
lich war besorgt und untergebracht.  Sie konnten sich
aber nie ganz über diese ihre Destination beruhigen,
und es stand immer etwas im Wege auf eine andre
mit ihnen zu dencken.  Gott schenkte ihnen allhier
4 Kinder, welche noch leben und in der Pflege der
Gemeine sind.  Ihr nachheriger Gang in hiesiger
Gemeine war uns oft zu vielem Schmerz u. Be-
trübniß, und es ging darinn so weit, daß sie sich
des Bekenntnißes der Gemeine zu ihnen als unsrer
Mitglieder verlustig machten.  Man muß der
seligen Schwester das Zeugniß geben, daß bey allen
Abwechselungen und ihrer sonst nicht leicht einzu-
schränckenden freyen Denckungs-Art und Handel-
weise, doch ein weiches Fleckgen ihres Herzens da
war, dabey sie immer wieder angefaßt werden konnte.
Daher sie der lezte schmerzliche Schritt, welchen man
mit ihnen gehen mußte, so empfindlich angriff, daß
sie darüber zu einer gründlichen Rückkehr auf ihre
Gnadenwahl kam.  Sie war bereits heftig u. schmerz[1]– haft kranck, wie sie denn seit ihrer lezten
Niederkunft alle Jahre durch Rheumatische Anfälle
eine Zeitlang wie gelähmt war, und da solches dieses
Jahr besonders heftig wurde, und sie ihre endliche Auf-
lösung vermuthen konnte, so war ihr nichts so schmerz-
lich, als zu wissen, von der Gemeine, zu der sie der
Heiland gebracht, und bey der Er ihr so viel Barmher-
zigkeit erwiesen, getrennt zu sehen.  Der Heiland hatte
ihr Herz dabey auf ihre Schuld geführt, und sie fand
Trost und Ruhe drinn, die Ursach von allem bey sich
selber zu finden, und gebeugt und sünderhaft von sich
zu dencken.  Das lenckte das Herz der ganzen Ge-
meine zum Mitleiden;  man vergab ihr von Herzen
und versicherte sie auf ihr sehnliches Bitten, daß wir
sie als unsre Schwester ansehen würden, wenn sie der
Heiland in dieser Krankheit vollenden und aus aller
Gefahr entreißen solte.  Das war eine großes Lab-
sal für ihr Herz, und sie wünschte von da an, nicht wie-
der gesund zu werden.  Ihre Herzens-Stellung war denen
Geschwistern, die sie fleißig besuchten, zu wahrer Freude.
Kindlich, naturell, lichte und sünderhaft, waren die
Aeußerungen ihres getrösteten Herzens.  Ich werde mich
über mein selig seyn, wol niemals anders als
///schaamroth freun usw. hielt sie für das schönste Lied im
Gesangbuche; weil es eben ihrem Herzens-Gefühl so vollkommen zusagte.  Ihre
Krankheit schlug in eine Waßer-
sucht aus und wurde schmerzhafter.  Große Geduld
bewies sie, man konnte es ihr aber auch gerne zu gute
halten, wenn sie zuweilen bey den vielen Schmerzen
etwas empfindlich war.  Sie erklärte sich danckbar gegen
den Heiland, der ihr so gnädig war und gegen alle Ge-
schwister.  Sie fürchtete sich, daß sie würde, wenn es nahe
zum Hinscheiden käme, noch ängstlich werden.  Je näher
es aber dazu kam, desto mehr verlangte sie darnach.
Sie machte mit ihren 2 ältesten Kindern einen mütter-
lichen u. zärtlichen Abschied und freute sich, daß ihre
Kinder zum Theil wol versorgt wären, und empfahl
auch der einen Tochter, die noch bey ihr zu Hause war,
den Heiland zu bitten, auch für sie zu sorgen.  In der
lezten Nacht zwischen d. 15ten u. 16ten Merz, da ihr Ver-
se gesungen wurden, gab sie selbst an, und stimmte
mit gebrochener Stimme in den Vers ein:  Unter Jesu Creuze will ich liegen, da soll sein durchgrabener Fuß
tausend Danck und Liebes-Thränlein kriegen, mit
dem wärmsten Sünder-Kuß usw. worauf sie, bald einge-
segnet zu werden, ihr sehnlichstes Verlangen bezeigte,
///und da solches unter fühlbarer Nähe des lieben Heilan-
des geschehen, küßte sie ihren Mann, Kinder und jede
anwesende Schwester, mit einem sehr vergnügten und
lichten Blick, rief von da an, so lange sich ihr Lippen reg-
ten: Komm, Komm ach Komm, und unter dem Vers: Deine
Seele geht nun über, in die durchgegrabne Hand, und
Er hat sie so viel lieber, als Er viel an dich gewandt,
schlief sie sehr sanft ein, mit der schönen und ihr merck-
würdigen Loosung, die sie sich in ihren verlegensten
Stunden zum Trost aufgeschlagen hatte:  Er wird
dir gnädig seyn, wenn du rufest; Er wird dir antwor-
ten, so bald Er es höret, ihres Alters 43 Jahr, 2 Mo-
nat u. 12 Tage.


[1]  The following two pages are missing from the memoir found in the Memoir Box.  I supply here the missing text as found in the entry in the Bethlehem Diary XXXV, pp. 57-64.

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