Anna Maria Worbass (1722-1798)

[1798 Nazareth]

Anna Mari Worbassin gebohrne Schemmelin

Ich wil Etwaß zum Priß meines treuen Heylandes
und guten Erbarmmers Erzehlen was er an mir armme,
under seinen Elenden durch die Zeit meines Lebens an
mir gethan hat, Ich bin gebohren, d: 19tn Jannuwary, 1722,
im Würdenbergischen, einem amts Stätel Wayhingem-
an der Entz, Mein Vatter hieß Johan Georg Schemmel, ein
Rothgerber, meine Mutter eine gebohrne Mätzin, Von
meinen lieben Eltern sorgfältig Erzogen und fleissig
zu schuhl und Keirch und zum lessen in der biebel
angehalten worden, ich fühlte in meinen Kinder Jahren
Eine liebe zu meinem Schopffer und Heyland, in meinem
13tn: Jahr kam ich ins Exsamme und wenn da in den fragen
vom Heyland seinen Tod und Leiden vorkam so gab es
mir einen eindruck und dachte mich ihm zu Ergeben
und als sein Eigenthum ihm allein zu leben, und daß
verspracht ich ihm bey der Cunvermatzigm vor dem
Ersten abendmahl aber auch mit Ziettern und freuda
mich auf den Genuß deß heiligen abendmahls
dabey ich ein seeliges Gefühl hatte und mir innig
wohl war.  Ich sagte zu meiner Mutter ich wünschte
daß ich alle Vier Wochen derffte dazu gehen.  Es
war mir zu lang es ein Viertel Jahr zu Entbehren
und freutde mich wen ich es wieder genüßen durfft.
Es wehrte aber nicht lang, und mein hertz würde
mit Weltliebe und den sündlichen Lustbarkeitden
hin gerissen.  da verlohr ich daß seelige Gefühl ///
und meine Seele wurde unruhig in mir.  Ich nahm mir
oft vor nicht mehr so zu thun, ich würde aber etlich mahl
wieder hin gerißen, da aber die Unruh meiner Seele immer
stärcer wurde so enthielt ich mich von allen solchen
Dingen wo ich dachte die meine sele so unruhig machen.
suchte allein in der Stille und dachte wenn ich doch
wieder zu dem seeligen gefühl gelangen könde daß ich
vorhin hatte.   Und so verbrachte ich drey Jahr.  Da war
ich in meinem 22tn Jahr da Entstundt eine Erweckung
in meinem ort darunder mein älster bruder auch war.
ich kam an einem sondtag zu ihm ihn zu besuchen da war noch
ein Erweckner mann bey ihm.  Sie sungen daß lied mit ein-
ander Halleluia Lob Preiß und Ehr.  Ich sung auch getrost
mit, da es aber aus gesungen fragte mich der Mann ob ich
auch schon so was an meinem hertzen Erfahren hät und ich
ich mich der Freundschafft und Gemeinschafft und deß bluts
Jesu mich trösten könde.  da Stundt ich beschämdt und sagte
ich wüßte es nicht und mein hertz wurde weich und
weintde.  ich ging nach Hauß und Erzehlte es meiner
Mutter.  sie wolte mich trösten, und sagte ich wehre ia
als ein Kind in der heiligen Tauff mit dem Blut Christi
bespringt worden und im heiligen abendmahl tätden
wir es auch geßüßen.  Den anderen Tag kam mein Bruder
in unser Hauß.  ich wurde durch ihn noch mehr über-
zeugt daß ich aus aller gnade Gottes gefallen und,
ich sahe mich in ungnaden, Er wiß mich zum Heyland und
daß ich als eine Sünderin gnade und Vergebung meiner
Sünden bey ihm suchen und auch finden würde und auch ///
schon hier in dieser Zeit meiner Seeligkeit in ihm köntde
Versichert werden.  ich war froh daß zu hören und wen-
tede mich zum lieben Heyland als eine Sünderin.  er schenkte
mir ein zu trauen zu ihm und gieng in die Versammlung
der Erweckten.  es wurde mir zum segen.  es lag mir an
ein versöntdes Hertz zu griegen und mit dem Heyland bekannt
zu werden.  Er bekande sich auch balde in gnaden zu mir.
als ich ein mahl im gebet und trehnen Vor ihm lag und es
mir so war daß ich es nicht mehr ausstehen kunde ohne sein
Bekendniß zu mir und um gnade und Erbarmen und
um ein Blutströpfflein und glauben daß Er auch vor
meine Sünden gestorben wehre bat, und im ein  Ringen
vor ihm kam und sagte ich laße dich nicht du segnest <mich.>  Dann
da liß er sich auf eine himlische selige Weiße fühlen
und mein Hertz würde mit trost frieden und freude
und lob und dank Erfühlt und würde mir dan wies ins
Hertz gesprochen ich nim auf meinem Rüken die lasten die
dich drücken.  Vil schwerer als ein stein ich würde ein fluch
dagegen ver Ehr ich dir den Seegen mein schmerz muß deine
labung sein.  es würde mir innig wohl, dieser gnade
und frieden bund den Er da mit meiner sele sich verbunden
hat, bleibt unbeweglich stehen, aber wie tieff beschämt
fühle ich mich wen ich daran denke wie offt er auf meine
seit ist verlesst worden.  in diesem gnaden schein gieng
ich eine Zeit lang und hielt mich an die Gnade.  weil mir
aber mein Vater verdorben um Sündigkeit noch un-
bekant war,  so fehlte mir auch der genuß des heils
daß in dem blutigem opfer Jesu und in seinem Tod und
Leiden liegt, kam auf Eigen würcken und den Eigen geist ///
wirhkte mit darin.  da wechselte es offt bey mir
wen ich die gnade fühlte so war ich überaus selig.  wenn
mir aber meine Sündigkeit ins gesicht kam so würde ich
betrübt und betreten.  ein <mahl> als ich zu ihm betede um daß
gantz werden nach seinem hertzen und Vor ihn allein zu leben
wurde mir zur antwort, wenn du dich mich gantz Erbegen[1]
wilst so gehe zur gemeine.  ich stürtzte darüber und dachte
warum den kan ich denn hier nicht auch dazu gelangen aber ich
wurde immer wieder daran Erinnert.  ich fragte meinen
Vatter darum.   er wolte es mir nicht Erlauben.  1746,
d. 13. Februari gieng mein Vatter als ein begnadiger Sünder
es ist ihm auf seinem kranken bett noch zu theil worden selig
aus der zeit.  da gieng ich selbiges früh jar auf ostern zum besuch
auf den hernhag.  es gefiel mir.  ich fühlete auch die
anforterung an meinem Hertzen daß ich hier bleiben soll
und mich ihm gantz Ergeben.  aber ich war wie ein Eigen-
williges Kind.  kam in Bedenklichkeit und fühlte auch eine
grosse anhinglichkeit an meine Mutter und ging wieder
nach Hauß.  kam in Cunfussion.  es fiel mir auch der Spruch
ein, wer Vatter oder Mutter lieber hat der ist mein nicht
wehrt.  meine Mutter wurde auch unruhig und gab mich
loß, 1747. gieng wieder nahm bett und kleider und
dachte auf dem Hern-hag zu bleiben.  da ich aber hin kam
kriegte ich keine Erlaubtnüß.  daß tad mir weh.  ich weinte
auch manchmal und dachte die schuld wird wohl bey mir
sein aber ich konde sie nicht finden.  ich gieng zu Ende selbi-
ges jahr wider hin.  da wurde ich wieder abgewießen
als ich nun gieng und kaum Vor dem ort raus war
fühlte ich eine starcke bewegung in mir, es war
als wolte mich jemand wieder umwenden und
sagte wilst du nun wieder weggehen.  kehre um,
kehre um///
und bitte klein und demüthig so wirst du gewiß bleiben
derffen.  da sahe ich mich in Einem großen hochmuth und
und[er] ein berg deß unglaubens daß ich es dem Heyland
nicht zu trauen konde.  den 3 Männer giengen schon vor
an mit denen ich wieder nach <Hauß> gehen solde.  da dachte ich
kehr ich um und es wird nichts daruß so verlier ich
meine Reiß geferden.  da fand ich die schult bey mir.
ich gieng den gantzen tag schwähr und betretden.  als ich
nun abends allein war, Vor dem einschlaffen bat ich
den Heyland sich meiner zu Erbarmmen, und weil er
nun jetz nicht mit mir fürdig werden kan und ich nun
wieder weg gehe es zu vergeben, und mir ein
blutströpflein in mein hertz schenken zur bewahr-
ung biß er mich wenn ich zu seinem Volk gehore auf
einem anderen weg dazu bringen kriege.  es wurde
mir leicht ich fühlte sein Vergeben und schlieff selig
ein.  Er tröstetde mich und ich fühlte auch seine liebe
Nähe.  ich war dar nach ein halbes Jahr bey meiner
Mutter.  ich war deß lauffens miede und dachte
ich will jetzt wartden biß der Heyland macht.
darnach ging ich zu georg schlosser nach Pfortzheim
im durlachischen.  Er war einer von den 3 Männer
mit denen ich daß letze mal vom Herrnhag wieder
nach hauß gieng, mich seiner Haußhaltung und hatte zwey
kinder mich anzunehmen.  Er hatte ein Sinn zur Gemmeine
zu kommen.  ich dachte anfans villeicht konde daß eine
gelegenheit vor mich sein.  es verzog sich aber.  in deßen ging
der Hern-hag zu Ende.  da kam ich in Verlehgenheit.  ich schrieb
an die schwestern pflere.  sie schrieb mir weil ich nun schon
bey diesem mann wehre so könt ich ia mit ihm nach pinselvani
gehen, ///
wenn ich zur gemeine gehörtde so könne mich der Heyland auch
dazu bringen.  ich Ressalvierte mich dazu im Vertrauen
auf den Heyland.  wie wohl ich dachte daß ichs kaum von
wert wehre, und wir kamen 1751 nach holand grade zu
der Zeit da die gemeine segel färdig war und nur noch auf
Etliche geschwister warrtde.  die nahm uns ein mit
uber die see zu bringen.  es wahr mir zum Trost und beschemmung.
Wir kamen zu Ende septembers in neu-gorg an, da erhielt
ich von b: Nathael Erlaubniß mit den geschwiestern
Graffs und bussins nach bethlehem zu gehen.  wir kammen
d 6tn October glüklich da an, und bekam vom lieben Heyland
die Erlaubniß da zu wohnen.  d. 3tn November, zog ich ins
Chor-Hauß der ledigen schwestern mit beschämung und war
froh ein Plätzlein gefunden zu haben, da nach so langem
herumpflattern mein fuß nun ruhen kunde.  1752 d. ii Juli
wurde ich in die gemeine aufgenommen, ich fühlte da eine
neue anfassung vom lieben heyland an meinem hertzen
und war eine Zeit lang besonders vernügt und seelig.   da
sichs aber mit dem heiligen abend-mahl verzog so kam ich in
eine Schuhle.  es wurde mir mein tiefstes grund verderben
auf gedeckt und auch alle Untreu und Abweichung seit meiner
Ersten begnadigung.  da gab es eine manche betrübte und
verlehgne Stunde biß ich mich als eine armme sünderin zu seinen
füßen mich legen kunde und mir sein Blut zur Vergebung
und abwaschung über mein gantzes hertz aus bat.  er tröstete
mich in seiner blutigen tods gestalt.  balde dar nach schenke er
mir den seeligen genuß seines leichnams und bluts im heiligen
Abendmahl.  in seinem arm und an seiner Brust zu begehren.
meine augen würden mir nicht trocken unter dem genuss.  vor
scham danck und beugung wie die liebe gedult und langmuth
in die er mich biß auf diese Stunde getragen.  und er sagte
zu mir siehe daß hätte ich dir gerne schon lang gegeben
gegeben wenn du mir nicht so im weg gestanden
wehrst.  von der Zeit an gieng ich Einen sünder seeligen gang ///
durch seine gnade und beystand kam auch gleich wol noch manch-
mahl was vom anklebentden verderben vor.  so fand ich alle
Zeit bey ihm Trost hülfe und Rath.  meine äusseren geschäffte
wahren was da vor kam in der Ecönomi und zu letzt im
schwestern Hauß war ich 2 Jahr köchin vor die Schwestern.
1758, wurde mir auf getragen meinen Stand zu verändern
ich Ergab mich in den Willen deß lieben Heylands und
ich würde d: 29tn Juli, mit dem ledigen bruder Petter
Worbaße zur heiligen Ehe Verbunden.  der liebe heyland
geleitetde mich mit seiner lieben Nähe in diesem Stand
hinein und machte mir alle mit diesem Stand verbundenen
umständen zum seegen.  im december kammen wir nach gnaden-
thal zum wohnen alda schenckte mir der l: heyland ein
Söhnlein mit Nahmmen Josephs.  1760, kammen wir wieder
nach bethlehem, in daß neu Erbautte gast-Hauß die
würdschaft anzufangen.  von da kamen wir in daß
gasthauß über der läiha.  da wahren wir nur 4 Mo-
nath dan kammen wir 1762, in die bethlehemmer Muhle
zu wohnen da schenkte mir der l: heyland mein zweytes
Sohnlein mit Nahmen Werther.  da hatte ich besonders
ruhige und seelige Zeit.  der l: heyland bekande sich in
gnaden zu mir gerne.  1769, kamen wir nach der Jerhse
jetz Haub genant die Hauß würdschaft zu fuhren.  ich
hatte es da ein bißel schwehr in den geschäften die
ich nicht so gewohnt war aber der liebe heyland
machte mir durch seinen oft mahligen unerwarteden
gnaden besuch und liebe nähe alles Erträglich und
leicht,  1771. wurden wir da abgeruffen, und wurde
uns vor gesagt hierauf nach Nazareth zu ziehen und
vor uns da zu wohnen.  ich wurde betretden, weindte
und hielt bandta mit dem l: heyland.  Er ließ michs
wißen daß es sein Wille währ da würde ich ///
getröstet von ihm.  Er geleitetde mich mit seiner lieben
Nähe d. 27: Juli 1771, hierauf nach Nazareth und ich nahm
es auß seiner Hand von ihm mir zu gedachtes Plätzlein
dazu wohnen und Erführ seine gnadige durchhülffe und
beystand in allen vorkommenheiten und nach dem ennern
bestähen meines hertzens von ihm fühlte ich seine gnaden-
arbeit mich immer mehr zu Einer ärmmereren unn nach ihm
hungrigen und dürstigen ia blutbedürftigen  weßen zu
machen daß Er alle Tagen kommen <mich> trösten segnen und
stillen kan, auch wegen meine armme zwey verirte und
verführten Söhnen ist er mein Tröster und mein  Ratt der
auch in dieser Noth mich wohl weißt zu Erhalten und
ihrer in gnaden gedencken zu seiner Zeit und Stunde
nach seiner gnade und barmhertzigkeit


[1] gemeint ist ergeben

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