Christiana Dorothea Detmers (1730-1814)

Unsre sel. Schwester Christiana Dorothea Detmers        {26.July 1814}
geb. Morhardt hat von ihrem Lebenslauf folgen-                   
des hinterlassen.

Ich bin geboren zu Studtgard den 22ten Juny. 1730.
und in der Lutherischen Kirche getauft und erzogen.
Mein Vater war Friedrich Morhardt, Bürger und
Becker in Studtgard u. meine Mutter Christiana
Dorothea eine geborne Meyerin.  Ich war meinen
l. Eltern als ihr erstes Kind von Elffen, ein wichti-
ges Gnadengeschenk von Gott, wegen der von Ihm
erfahrnen Erhörung ihres Gebets, welches sie vor
meiner Geburt oft knieend vor Ihm gebracht hatten.
Meine Kinderjahre verbrachte ich theils bey mei-
nen Eltern u. theils bey meinen Großeltern müt-
terlicher Seite.  Zum Lernen in der Schule hatte
ich Fähigkeit.  Es lag meinen Eltern an ihre
Kinder dem lieben Gott zur Ehre und Freude zu
erziehen.  Ich war aber ein schlechtes Kind u. zu
allen Verführungen geneigt, ohnerachtet die
Erziehung meiner Eltern sehr scharf war.
Von meinem 14ten Jahr an war jedoch mein Herz
nicht ohne gute Rührungen; es fiel mir oft ein, ///
daß ich so kein seliges Ende haben könnte, wenn ich
jetzt sterben sollte.  Im Jahr 1745. wurde mein
Vater mit der Brüder-Gemeine bekannt.  Auf sein
oftmaliges Zureden brachte er mich auch dahin,
daß ich die Versammlungen {der Brüder} besuchte, welche in
Studtgard gehalten wurden, ob ich es schon für et-
was unnöthiges hielt, besonders wegen meiner Ju-
gend.  Ein Jahr darauf wurde auch meine Mut-
ter über ihren Herzenszustand {fast} untröstlich.  Durch
des Heilands Gnade und den Zuspruch der Geschwister
konnte sie sich jedoch wieder etwas raffen.  Da
sie aber eine Zeitlang etwas melancholisches
behielt, so mußte ich die Haushaltung führen, wo-
zu sie sich außer Stand fühlte.  Dieß brachte mich
so gegen die Brüdergemeine auf, daß ich wünschte,
meine Eltern hätten nie etwas von derselben ge-
hört.  Meiner Mutter versagte ich die schuldige
kindliche Unterthänigkeit, ja ich betrübte sie so,
daß mir selbst oft angst und bange darüber wurde.
Der Heiland erbarmte sich aber über mich, und
brauchte ein ernstliches Mittel meine Gesinnung
{gegen sie} zu ändern.  Ich stürtzte am Ostersonntag früh die
Kellertreppe hinunter vor meiner Mutter Füsse hin,
zu ihrem großen Schrecken, denn ich lag eine Weile sinnen-///
 
los da.  Als ich wieder zu mir gekommen war, bat
ich meine Mutter wegen meines bisherigen
schlechten Betragens gegen sie um Vergebung,
die ich gern erhielt.  Die Darlegung ihrer Em-
pfindung, wie sie mich da liegen gesehen, rührte
meine hartes Herz u. machte mich verlegen.
Br. Timaeus besuchte {just} um die Zeit bey uns u.
ich wünschte von ihm zu hören, ob ich noch selig
werden könne?  Sein Zuspruch war mir sehr tröst-
lich.  Durch den Fall hatte mein Gedächtniß u.
mein Gehör besonders gelitten.  Dis bekümmerte
mich, {weil ich befürchtete,} daß ich in dem Examen vor der Confirma-
tion zu meinem erstmaligen Genuß des heiligen
Abendmahls nicht bestehen werde.  Der Prediger,
welcher meinen Eltern wegen ihrer Bekanntschaft
mit den Brüdern nicht gewogen war, war mir
sehr scharf; ich konnte ihm aber auf alle seine
Fragen mit getrostem Muth antworten.  Das
h. Abendmahl genoß ich mit Zittern.  Ich wohn-
te aber nach wie vor gern den Gelegenheiten zum
Leichtsinn u. zu Ausschweifungen bey, wenn es
nur vor meinen Eltern verborgen blieb, u. ich in
den Gesellschaften, die uns gehalten wurden, nichts
davon sagen durfte.  Es war mir bekannt, daß es
nicht gut um mich stehe, nahm mir auch oft vor,
daß es besser werden sollte, es hatte aber keinen ///
Bestand.  So ging es von einer Zeit zur andern, bis
mich der Heiland in grosse Noth über meinen ver-
lornen Zustand kommen ließ, daß ich mir keinen Rath
wußte.  Ich machte es jedoch dem heiligen Geist sehr
schwer, mich zu einer wahren armen Sünderin zu
machen, {die} Jesu Verdienst aus Gnaden annehmen
wollte.  Er ließ mir aber nicht nach mit seiner Pflege und Mühe, bis ich nach Gnade weinte und
den Heiland bat, sich meiner anzunehmen, denn ich
kam mir vor als die größeste Verbrecherin.
Zu meiner Eltern Verwunderung verlangte ich
mit dem Br. Dörbaum, der aus der Brüdergemeine
zum Besuch da war zu sprechen; ich konnte ihm auf-
richtig sagen, wie es mir ums Herze war.  Er trö-
stete mich u. wies mich liebreich zum Heiland, der
keinen Sünder von sich weist.  Ach hätte Er, der
treue Sünderfreund, sich nicht zuerst an mich ge-
hangen, ich wäre Ihn nimmermehr suchen gangen.
Br. Dörbaum nahm mir das Versprechen ab,
daß ich bald auf den Herrnhag besuchen wollte.
Meine Mutter wollte mir auch gern dazu be-
hülflich seyn; mein Vater glaubte aber, daß ich
der Haushaltung wegen nicht abkommen könnte;
nach vielem Bitten gab er endlich seine Einwilli-
gung dazu.  Meiner Großmutter sollte es jedoch
verborgen bleiben; da sie aber wegen meiner Gesin-
nung unruhig war, so suchte sie, als meine Eltern
 
nicht zu Hause waren, Gelegenheit mich über meinen Sinn
zur Brüdergemeine allein zu sprechen.  Ich begegnete
ihr freundlich; sie wollte mich aber gern durch eine
Heyrath von meinem Vorhaben abbringen; ich versi-
cherte sie aber, daß sie zu spät komme, ich könnte mein
gegebenes Versprechen nicht zurücknehmen.  Noch an
demselben Tag veranstaltete sie, daß meine Mutter
von ihrem Beichtvater meinetwegen zu Rede gestellt
wurde.  Meine Mutter sagte mir hierauf: ich darf
dich nicht zur Gemeine lassen.  Ich weinte laut, und
nachdem ich mich wieder gerafft hatte, sagte ich meinen
Eltern, daß die Großmutter bey mir gewesen, und
was unsre Unterredung gewesen sey; sie billigten
mein Verhalten u. ich erklärte ihnen, daß ich nun
zur Gemeine gehen wolle.  Der Heiland half mir
auch, daß ich mein Vorhaben noch in demselben Jahr aus-
führen konnte.  Ich traf im Aug. 1744. auf den Herrnhag
ein.  Der Heiland bekannte sich sehr freundlich zu mir,
so daß ich oft vor Schaam u. Beugung weinen mußte;
auch fühlte ich eine große Liebe zu den Schwestern, ich
empfahl mich einer jeden, die mich besuchte, ins Ge-
bet, daß der Heiland mir bald mein Plätzchen in der
Gemeine gewiß machen möchte.  Indessen betrübte
es mich, daß mehrere, die auch mit mir auf Erlaub-
niß warteten, dieselbe vor mir erhielten; noch be-
trübter wurde ich aber, als mir gar gesagt wurde,
daß ich die Zeit wieder nach Hause gehen könne. ///
Ich dachte, dis könne nicht möglich seyn; doch wurde ich gelas-
sen u. fühlte den Trost des Heilands in meinem Herzen, u. auch
Beruhigung darüber, daß ich mein Schlechtseyn den Schwe-
stern aufrichtig dargelegt hatte.  Als es wirklich zur
Abreise kam, fühlte ich mich unzufrieden; kaum war
ich aber eine Viertelstunde aus dem Ort, wurde ich zu-
rückgeholt mit der Anzeige, daß mich die Jüngerin zu
sprechen wünsche.  Unter andern verlangte sie von
mir, daß ich ihr schreiben sollte, wenn ich wieder zum Be-
such kommen wollte; ich bat, daß man mich lieber jetzt
da behalten möchte.  Sie fragte mich: Ist es dir von
ganzem Herzen darum zu thun des Heilands zu werden?
ich antwortete darauf mit Thränen:  Ja!  Nun, er-
wiederte sie, so wollen wir dich auf eine Probe da be-
halten.              Am 16n Sept. zog ich ins Schwesternhaus
zu meiner großen Freude u. genoß die Liebe der
Schwestern, ohnerachtet nichts liebenswürdiges an
mir war.  Gegen den 13n Nov. da ein jedes zur ge-
nauen Prüfung seines Herzens vor Jesu Augen
veranlaßt wurde, dachte ich auch ernstlich über mich,
und fand noch so viel meinem Heiland unähnliches an
mir, daß mir bange darüber wurde; u. ich glaubte,
daß ich nicht werde da bleiben können, packte auch
schon meine Sachen ein.  Ich klagte meine Noth unter
vielen Thränen meinen Arbeiterinnen; sie wiesen
mich als eine Sünderin liebreich zum Heiland, der mich
auch tröstete; nur fehlte es mir noch an der gläubigen
 
/// Zueignung Seines Verdienstes.  Am 10t. Merz. 1748.
wurde ich in die Gemeine aufgenommen, wodurch ich
kräftig überzeugt wurde, daß er die Sünder lieb
hat.  —              Im April reiste ich mit mehrern Schwe-
stern nach Herrnhut u. zog bald nach unsrer Ankunft
daselbst nach Hennersdorf, wo ich in der Wirthschaft
diente.  Ich genoß hier viel seliges für mein Herz
im Umgang mit dem Heiland.  Am 13tn Aug. ge-
noß ich zum erstenmal das heil. Abendmahl mit
der Gemeine zu meinem wahren Segen.
Noch in demselben Jahr reiste ich mit einer Gesell-
schaft Schwestern, die nach Bethlehem in Nord Ame-
rika bestimmt waren, über Ebersdorf wieder nach
dem Herrnhag u. zog wieder ins Schwesternhaus.
Ao. 1749. kam ich zu den kleinen Kindern in die
Anstalt u. bald darauf ins Stundengebet, wurde
auch als Arbeiterin bey den grossen Mädchen an-
gestellt u. zur Acoluthie angenommen.  Im April
1750. reiste ich mit der Schw. Eleonora v. Schweinitz
nach England u. zwar zum Jüngerhaus nach London.
An demselben Tag, da wir abgereist waren, traf
meine liebe Mutter auf den Herrnhag ein, mich
zu besuchen.  Es that ihr weh, mich nicht mehr anzu-
treffen, so wie es auch mich kränkte, als ich es hörte,
sie nicht mehr gesehen zu haben; daß sie sich aber darü-
ber hatte zufrieden stellen laßen, beruhigte auch
mich.  Es kostete mich viele Thränen in London ///
einzugewohnen, ich hielt mich aber in der Stille an
den Heiland.  Als der sel. Jünger mit seinem Hause
wieder nach Deutschland ging, kam ich zu den Kindern
nach Mile End, wo ich ebenfalls manches kümmerliche durch-
zugehen hatte.  Bey seiner Zurückkunft im J. 1751. trat auch
wieder eine neue selige Zeit für mich ein.  Zweymal
hatte ich mir es verbeten nach Pennsylvanien zu reisen,
dis machte mich blöde gegen meine Geschwister, u. da
der Antrag zum drittenmal an mich kam in einem rüh-
renden Schreiben von der Jüngerin, konnte ich nicht wie-
derstehen.  Es veranlaßte manche Unterredungen mit
dem Heiland.  Sein Bekenntniß zu mir Armen unter die-
sen Umständen wird mir unvergeßlich bleiben.
Am 28t Sept. 1752. reiste ich mit einer Colonne Schwestern
unter Anführung der Schw. Anna Joha Piesch von London
ab, u. den 25tNov. trafen wir hier in Bethlehem ein.
Die liebreiche Aufnahme im ledigen Schwestern-
Haus that mir sehr wohl, und so wie es auch damals
zuging, so war ich doch zufrieden.  Ich kam bald zu
den grossen Mädchen, wo ich schwer eingewohnte u.
neue Schulen bekam, die mir aber für mein Herz viel
austrugen u. mich darauf führten noch anhänglicher
an den Heiland und verliebter in Seine MarterPerson
zu werden.  Ich nahm mir es selbst sehr genau, wenn
mir der heilige Geist noch so manche Unarten zeigte.
In der Folge kam ich zu den Kindern;
auch hier versahe ich es oft und fand viel Ursach
mich darüber zu schämen und um Vergebung
 
zu bitten.  Am 19tn Juny. 1763 wurde ich mit dem
Bruder Ferdinand Philip Jacob Detmers verheyra-
thet, der hier bey den Vorsteher-Geschäften angestellt
war.  Im Dec. 1764. wurden wir durch die Geburt
eines Töchterleins Christiana {Sophia} erfreut,
welches der liebe Heiland aber in seinem 6tn Jahr
wieder zu sich nahm.  Im Merz. 1772. zogen wir
nach Nazareth, wohin mein lieber Mann zum Ge-
meinvorsteher berufen war.  In gleichem Auftrag
zogen wir im Oct. 1784. nach Litiz.  Im J. 1796.
bat mein l. Mann Alters u. Schwächlichkeit halber
um seine Ablösung, welche er auch erhielt, u. wir
zogen im Oct. desselben Jahres hieher nach Bethlehem.
Am 28t Aug. 1801. wurde ich in den Witwenstand
versetzt.  Der Heiland hat auch im Ehestand viel an
mir gethan u. mich bey mancherley Erfahrungen
noch vester mit sich verbunden; wofür ich Ihn in
Demuth u. im Staube anbete.

Soweit die sel. Schwester.

Sie zog darauf den 29ten September deßelben Jahres
ins Chorhaus der Wittwen allhier, verbrachte ihre Zeit ver-
gnügt und munter.  Vor einigen Jahren überstand sie eine
schwere Krankheit, wobey jedermann ihren Heimgang ver-
muthete.  Sie erholte sich aber dem Anschein nach wieder völlig
bis sie vor ungefehr 4 Jahren, mit Rheumatischen Schmerzen
befallen wurde, die sie, sonderlich des Nacht in ihrer Ruhe
störten.  Ihr munteres und aufgeräumtes Wesen, verließ sie
aber dabey nicht, und sie hielt sich so lange als nur mögl.
`
war außer dem Bette, besuchte auch so lange es ihre Kräfte
erlaubten die Versammlungen.  Die Schw. Elisabeth Standz
zog vor einigen Jahren zu ihr, um sie in ihrer Schwachheit zu
pflegen, und war bis an ihr Ende ihre treue Krankenwärterin
welches die Selige oft mit Dank erkannte.
Bey allen ihren Fehlern, Mängeln und Gebrechen, die sie selber
sehr genau kannte, hielt sie sich im Glauben an den Hld.
der ihr einmal die Vergebung ihrer Sünden durch Seinen
Geist zugesichert hatte, und war gewiß, daß Er ihr diese
schöne Beylage bewahren würde bis an jenem Tage.
Vor drey Wochen mußte sie sich ganz legen, ihre Schwachheit
nahm von Tag zu Tag zu, und man sahe deutlich, daß der
Hld sie nun bald von ihren Schmerzen erlösen, und sie zu sich
heimnehmen würde.  Dienstag den 26 dieses gegen Abend ver-
langte sie zu ihrer Heimfahrt eingesegnet zu werden, welches
denn auch sogleich, in der Gegenwart Jesu geschah. wobey sie
sich ganz gegenwärtig war. Sie lag darauf ganz Stille
bis um _ Zwölf Uhr, da sie ganz sanfte entschlief.
in einem Alter von 84 Jahren 1 Monat und 4 Tage.

 

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