Eva Lanius (1743-1801)

Lebenslauf unsrer am 7n Oct. 1801.

allhier Unsre selig entschlafenen Schwester Eva Lanius <hat>

Sie hat von ihrem Lauf durch diese Zeit folgenden kurzen Auf-

satz hinterlaßen:

Ich bin gebohren am 1ten May. 1743 bey Yorktown[1]. {in Pensylvanien}  u. in der Reformirten Kirche getauft.  Es lag meinen l. Eltern sehr

an, ihre Kinder für den l. Hld zu erziehen; u. ich muß gestehen,

daß ich in meinen Kinderjahren gar manche Anfaßung von Ihm

an meinem Herzen erfahren habe.  Da meine l. Eltern seit einiger

Zeit in Bekanntschaft mit den Brüdern gewesen, und endl. selbst

Mitglieder der Gemeine wurden, so besuchte ich im Jahr 1757.

die Gemeine hier in Bethlehem.  Alles was ich hier sahe u. hörte,

gefiel mir unaussprechlich wohl.  Besonders wurde bey diesem

Besuch mein Herz von der Liebe des Heilands aufs Neue ange-

faßt; u. ich bat angelegentl. um Erlaubnis hier zu bleiben,

weil es der sehnliche Wunsch meiner l. Eltern war, daß ihre 4 jüng-

sten Kinder zur Gem. nach Bethlehem ziehen möchten, wovon

ich eines war:  Allein, ich erhielt damals keine Erlaubnis, u. mußte

zu meinem Schmerz wieder nach Hause gehen.  Nach und nach aber ver-

lor sich bey mir das Gefühl vom Heiland, zugleich das Verlangen

zur Gemeine, u. im Gegentheil bekam ich einen Gefallen an

der Welt.  Im Septr deßelben Jahrs wurde ein Synod, oder

Landarbeiter-Conferenz, zu Yorktown gehalten;  Bey der

Gelegenheit redete die Schw. Schlegel (damalige Arbeiterin des

Gemeinleins in Yorktown) recht mütterl. u. gründl. mit mir

über meinen Zustand, wies mich zum Hld. als dem treusten u. eini-

gen wahren Freund aller armen Sünder; fragte mich aber auch, wie

es um mein Verlangen, zur Gem. zu gehen aussähe? u. that hinzu /// Ich solte bedenken, daß es meiner l. Eltern ernstlicher Wunsch

u. Verlangen wäre.  Endl. rieth sie mir, einen Brief an Br. Joseph

zu schreiben, u. nochmals um Erlaubniß nach Bethm anzuhalten; wel-

ches ich auch that.  Als ich aber wirkl. meiner Bitte gewährt wurde, so

muß ich gestehen, daß ich mich gar nicht drüber freute;  Indeßen

nahm ichs meinen Eltern zu Gefallen an, u. stellte mich, als wä-

re mirs ganz recht u. lieb.  Dieses that ich, Sie nicht zu betrüben, weil

ich meine l. Mutter besonders, oft des Abends im Bette zum l. Hld. be-

ten gehört, daß Er doch ja mich, u. ihre 3 andern jüngsten Kinder zur

Gemeine bringen möchte; welches auch hernach geschehen.  Am folgenden

14t Oct. kam ich in Beth. an, u. gewohnte bald ein.  Am 28ten May.

folgenden Jahrs ward ich in die Gem. aufgenommen.  Nachher aber

kam ich in ein gleichgültiges Wesen, u. verbrachte 2 Jahre so; als

indeßen eine meiner Cameraden in der Gem. Gnaden weiter kam, u.

ich zurück – bleiben mußte, diente mir dieses zu einer Gelegenheit

meinen Herzenszustand vor dem Hld. gründl. zu untersuchen.  Ich

redete hierauf offenherzig über alles mit meiner Chorarbeiterin,

die mich recht mütterlich auf des l. Hlds unendliche Gnade, Treue

u. Barmherzigkeit verwies; u. weil ich ihren Rath befolgte, erfuhr

ich auch, wie nie zuvor, daß Er die Sünder annimmt, u. selig macht.

Dieser Zeitpunct wird mir wichtig bleiben, durch meine ganze Lebens-

zeit.  Am 28ten Aug. 1760 hatte ich dann die große Gnade erstmali-

ge Mitgenoßin des heil. AMhls mit der Gemeine zu seyn.  Der Genuß

war was unausprechlichs! (und ich muß sagen, daß er mir jedesmal

aus Gnaden von meinem l. Hld. erneuert wurde.) {u. ich muß bekennen} , Das heil.e AMhl

ist mir, seit ich gewürdiget worden, Theil daran zu nehmen, so was

großes u. wichtiges gewesen u. geblieben, daß ich dem l. Hld. in Ewig-
/// keit dafür nicht genugsam werde danken können.  Nach dem ersten

Genuß dieses hohen Guts aber nahm mich der l. Hld. in eine neue

Schule, in welcher er mir vorzügl. meinen Unglauben gegen Ihn

zeigte: O was ging da in mir vor!  Nachdem Er mir so viel Gutes

erwiesen, sollte ich an Ihn nicht glauben!  Doch war es so.  Ich

sahe und fühlte, daß ich keine Kraft dazu hatte, u. war in einem

recht elenden Zustand.  Oftmals stund ich des Nachts aus dem

Bette auf, warf mich auf mein Angesicht nieder, u. schrie um

Glauben.  Nun erbarmte sich mein treuer Heiland über mich,

es war, als ob Er zu mir träte, u. sagte:  Ich helfe dir! ließ

mich auch einen gläubigen Blick auf Sein Verdienst u. Leiden

thun.  Da sahe ich mit Dank u. tiefer Beugung wohl ein, daß ich

aus eigener Vernunft u. Kraft nicht an Jesum Christum mei-

nen HErrn, u. Sein vollgültiges Versöhnopfer glauben, noch im

Glauben beharren könte, sondern allein durch Seine Gnade.  Ich

bat Ihn dann flehentl., mich nie mehr fühlen zu laßen, was

Unglaube ist; sondern mir Gnade zu schenken mich in allen Um-

ständen u. Vorkommenheiten meines Lebens, kindl. u. gläubig an

Ihn u. Sein heils. Verdienst zu lehnen u. zu halten; welche Bitte

Er mir auch gnädigl. gewähret hat; u. ich hoffe u. flehe, u. traue

es Ihm zu, Er wird mir das kostbare Kleinod, mit Ihm zu wan-

deln im Vertrauen, u. Ihn aus aller Macht zu umfangen, ja be-

ständig an Ihm zu hangen, erhalten, bis zum Schauen.

Ich ward nun öfters gebraucht zur Pflege der Kranken,

bis im Jahr 1785 mir das Amt der Krankenpflege in unserm Chor-

haus allhier aufgetragen wurde.  Ich nahm diesen Antrag mit

Willigkeit, u. ein Vertrauen auf die Hülfe des l. Hlds an.
///  32 Schwestern, hatte ich die Gnade, bis zu ihrem Heimgang in die

Ewigkeit, zu pflegen.  Die Mühe u. Arbeit, die bey dem Warten

der Kranken, (gewiß nicht zu vermeiden) ward mir durch den un-

aussprechl. seligen Genuß der Nähe u. der treuen Hülfe, mei-

nes l. Hlds reichl. belohnt, u. jeder Verlust, auf das vollkommenste

ersetzt.  Jezt bin ich auch Sein Krankes, u. werde gepflegt, bin

auch herzlich gerne in Seiner Kur, denn Er ist ein Mitleidiger gu-

er Arzt.  Er thut mir schöne.  Ich lobe und preise Ihn, für die

unzehligen Wohlthaten, die Er mir Zeit meines Lebens erwiesen;

und beuge und schäme mich vor Ihm über alles, worinn ich Ihm

nicht zur Freude war; freue mich auch im Voraus, mehr als

ich beschreiben kan, auf den mir unaussprechlich glücklichen

und seligen Moment, wenn Er mich holen wird–denn ich ver-

lange und sehne mich von Herzen aufgelößt und bey Ihm zu

seyn–da ich Ihm Seine durchgrabnen Hände und Füße küßen

werde für meine Gnadenwahl.

So weit unsrer seln Schw. eigne Worte.

Sie hatte schon vor langer Zeit durch starke Verkältungen viel

an ihrer Gesundheit gelitten, und war deshalb mit Rheumati-

schen, so wol als Asthmatischen Zufällen gar manche Jah-

re hindurch, behaftet.  Indeßen verrichtete sie ihre Geschäfte

mit großer Treue und Sorgfalt, und schonte sich nicht; ja

vergaß öfters ihre eigene Schwachheit; wie sie denn auch eine

besondere Gabe zum Pflegen der Kranken hatte.  Vor an-

derthalb Jahren hatte sie eine schwere Krankheit durchzustehen;

und schien damals ihrem Ende nahe zu seyn; Sie erholte sich            {zwar}

indeßen, {wieder}  allein ihr Körper war dadurch sehr geschwächt, u.
/// die rheumatischen Zufälle, die nun sehr überhand nahmen,

verursachten, daß sie außer Stand gesetzt wurde, Ihrem

Geschäfte nach Wunsch und Gewohnheit sich ganz zu widmen.

Allein sie unterließ nicht, mit Rath und That zu dienen, so

viel sie konte; besonders der Schwester, die ihr erst zur Hül-

fe, und hernach zur Nachfolgerin im Amte gegeben wurde,

welcher, so wie andern, sie auch sehr dankbar war für al-

le Dienste, die man ihr erwiesen.  Sie ertrug ihre lange schmerz-

hafte Krankheit mit unbeschreiblicher Geduld; und wenn

man sie bedauerte, daß sie so viel auszustehen hätte,

äußerte sie sich so:  Der Hld. machts schöne mit mir,

warum solte ich murren?  Er hat ja viel mehr für mich

ausgestanden.  Wenn Er schwer auflegt, so hilft Er auch

tragen. Ihre Glaubens-Freudigkeit, die unverrückte hei-

terkeit Ihres Gemüths und Herzens, Ihr brünstiges

Verlangen, Den, je eher je lieber persönlich zu grüßen,

der sich für Sie zu Tode geblutet; und dabey doch ihre

kindliche Ergebenheit in Seinen Willen, und große Geduld

bey allen Schmerzen, waren allen, die sie besuchten, zur

Erbauung und Vergnügen.  Am 25ten Septr ging ei-

ne große Veränderung bey ihr vor, so daß es schien,

der Hld. würde mit ihrer Auflösung eilen; allein es ver-

zog sich damit noch eine Weile.  Sie verbrachte seitdem

meistens ihre Tage und Nächte wie in einem sanften

Schlummer, und wenn beym Erwachen dann und wann

ein schwerer Paroxysmus über sie kam, pflegte sie, wenn
/// derselbe vorüber, zu sagen: Nun, eine schwere Stunde ist wieder vor-

bey!  Der Hld. hat geholfen; Er wird noch ferner helfen.  Wenn Litur-

gien bey ihrem Bette gehalten wurden, fing sie öfters folgenden

Vers zu singen an: Ich werd Ihn sehn, den Freund so schön der

mir mein Herz genommen; und dann ewig Ihm nicht mehr von der

Seite kommen.  Und: das Leiden dieser kurzen Zeit ist niemals

werth der Herrlichkeit, die Gottes Kinder soll’n erfahr’n, wenn

Christus sich, und die drauf harr’n wird offenbar’n.  Zu

Anfang dieser Woche fragte sie: Ob dieses nicht die Abend-

mahls woche wäre? und als man ihr mit Ja antwortete;

erwiederte sie: O was war mir jederzeit diese für eine wich-

tige Woche, und das heile Abendmahl so was Großes! aber

dieses mal wünsche ich es nicht mehr hienieden zu genießen.

Am 7ten dieses, als sie den ganzen Tag in einem sanf-

ten Schlummer verbracht hatte, fand sich Abends um 7 Uhr

ein heftiger Paroxysmus bey ihr ein; man konte nun

vermuthen, daß ihr {das}  Stündlein der {ihrer}  längsterwünschten seligen

Vollendung bald da seyn würde; es hatten sich daher verschiede-

ne Schwestern in einem Stuben-Zimmer versammlet, und

ihr ein{en}  sanften {Gesang von}  Heimgangs-Liturgie {Versen}  gehalten {angestimmt}  darauf sie

ganz gerichtet zu seyn schien.  Sie erhielt dann den Segen

zu ihrer Heimfahrt, wobey Sie ihre schwachen Hände faltete,

und wiederholt in die Höhe hob, bis um 1/2 10 der selige Moment

eintrat, da der Freund ihrer Seele, sie sanft und im Frieden

heimnahm, und also ihren sehnlichen oft widerholten Wunsch

und Bitte gnädiglich gewährte, nach einer Wallfahrt hienieden

von 58 Jahren, 5 Monaten u. 6 Tagen. ///            So ruhe

So ruhe denn, in Deines Heilands Armen,
Genieß das Glück wornach du dich gesehnt,
Wornach dein Auge hier so oft gethränt!

Hier war dein Element blos Sein Erbarmen,
Sein Tod und Leiden deines Herzens Weid;
Nun labe Dich daran in ewger Freud!

Ganz ungestört kanst du den Freund nun loben,
Den schönen Freund, der dir dein Herze nahm,
Der dir in aller Noth zu Hülfe kam,

Und leichte macht die allerschwersten Proben:
Du, Schwester, ewig hast Du ausgethränt!
Und, Ewig siehst du Ihn, der dich versöhnt!

Wie muß dir seyn, beym Schaun der heilgen Wunden
In welchen Du Dein Glück und Gnadenwahl,
Erblickt, zu Trost und Freud im Thränenthal,

Absonderlich in schwere Schmerzens-Stunden;-
Da du genießst die große Herrlichkeit
Die reichlich lohnt fürs Leiden dieser Zeit.

Du hast es gut, Du bist dem Höchsten nahe,
Nach Dem du Glaubensvoll hier oft geblickt,
Nach Dem du manches Thränelein geschickt

Dem Freund, der Mitleidsvoll dein Elend sahe,
Und dich, sobald Sein seligs Stündlein schlug,
Mit Freuden heim in Seine Wohnung trug.
///

Leb’ wohl daheim, wo manche Seiner Siechen
Die du gepflegt, voran gegangen dir!
Für jede Treu, die du erwiesen hier

Wirst du von Ihm selbst die Belohnung kriegen.
Ein Gnadenblick dafür von Gottes-Sohn,
Ist dir gewiß ein über großer Lohn.


[1]  unrecovered cancelled matter

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