Johanetta Ettwein (1725-1789)

Der Lebenslauf

unsrer seligen Schwester Johannette Maria

Ettweinen gebohrene Kimbelin

wurde am besten und zuverlässigsten von
ihrem lieben Manne, unsrem l. Bruder Johannes
Etwein, dermalen in Europa oder auf der Reise
zu uns abgefaßt worden seyn, und kan noch
vielleicht noch abgefasset werden; worauf wir
nun am liebsten beziehen würden:
Da sich aber doch ein kleiner eigenhändiger
Aufsatz der seligen Schwester von ihren Lebens-
umständen gefunden: so könnenommen wir doch
nicht umhin, auf eine obgleich unvollkommene Weise
{etwas davon} einige ihrer Lebens Umstände zu erwähnen.
Sie war 1725 den 26tn Sept. zu Sachenburg in
der Grafschaft Sayn im Westpfälischen Kreise gebohren.
Das Zeugniß von des dasigen Predigers Wredow und
den Besuch durchreisender Geschwister von der Gemeine
segnete Gott zu ihrer Erweckung.  Sie selbst schreibt
davon:

Ich war von meinen KinderJahren an erweckt,
und habe von meinem 12tn Jahre an gewust, daß ich den lieben Heiland muß lieb haben.  Mein seliger
Vater gab sich viele Mühe, uns Kinder vor den lieben
Gott zu erziehen,  und meine selige Mutter, welche
9 Jahre lang krank war, sagte mir, daß ein Heiland
ist, der helfen kan.  Sie hat sich auch gesund geglaubt.
Ich sahe sie oft auf ihrem Angesicht liegen und beten,
welches mir allemal zu Herzen gieng, und dencken
machte, wenn ich doch auch so wäre wie sie!///
Bei meiner Confirmation zum erstmaligen Genuß
des heiligen Abendmahls fühlte mein Herz einen be-
sonderen Segen, ob es gleich nicht das war, was ich
beim ersten Abendmahl in der Gemeine genossen
habe.  Im Jahr 1739 in meinem 14tn Jahre, hatte ich eine
besonderes Erfahrung in einer Nacht, da ich fühlte, daß mir der Heiland alles vergeben habe.  Dieses verur-
sachte einen seligen Gang, ob ich mich gleich oft noch
sehr schwach im Glauben fühlte.  Mein bester Freund
hat mich aber doch nicht geverlassen.
Ao 1741 gieng mein lieber Vater Peter Kümbel aus

der Zeit.[1]  In seinen letzten Stunden nahm er segnete er zum Abschied ein jedes Kind seiner Kinder, und sagte
zu mir: du gehst zur Gemeine; welches mir sehr lieb
war, bat auch nach dem Pastor Wredow, daß er mir
dazu behülflich seyn möchte.  Ich hielt noch bis in
den März des Jahres 1742 bey meiner Mutter aus, und
kam dann nach Marienborn in die Oeconomie[2]  Ao
1744 kam ich zu Geschwister Schellingers, die mich
als ihr eigenes Kind hielten, und mit nach Holland
nahmen.  Ao. 1745 wurde ich zur Acoluthie ange-
nommen u. ao 1746 d. 11tn Merz mit meinem lieben Mann zur heiligen Ehe verbunden.
Ich reiste darauf mit ihm nach Holland, wo ich meine
liebe Mutter nocheinmal besuchte, die sehr krank
war und sich nach ihrer Auflösung sehnte, und sich
sehr freute mich noch einmal zu sehen.  Sie ist
auch bald darauf selig verschieden.  In Zeist
wurden wir zur Diaconie eingesegnet und
giengen nach England, wo wir bey unsrem lieben
Johannes und Beningel waren.  Ao. 1747 gieng
es wieder nach dem Herrnhaag, wo mein lieber ///
Mann sehr krank war.  Nach verschiedenen Reisen
nach Herrnhut und wieder zurück schenkte mir
der Heiland in Herrnhaag meine erste Tochter,
mit der ich ao. 1749 in Lindheim wohnte und
1750 reiste ich mit meinem lieben Mann nach
London, wo wir in folgenden Jahren im Jün-
gerhause eine selige Zeit hatten.  1754 giengen
wir nach Pensylvanien und ao. 1759 gieng reiste ich mit meinem lieben Mann nach North Caroline,
ließ aber meine beiden Söhne Christian und
Johannes in Nazareth.   So weit sie selbst.[3]
Da ihr lieber Mann in den folgenden Jahren
sehr viele und zuweilen weite Reisen in
diesem Lande gethan hat, worauf sie ihn zum
Theil begleitet; so wurde noch gar manches
zu von ihrem Lebenslaufe hinzugesetzt werden können,
wenn sie es aufgeschrieben hätte, was sie dabey
erfahren.  Sie hat indessen einige Unterredungen
mit ihrem ungesehenen Freunde zu Papier gebracht,
daraus man sieht wie treulich ihr Herz auch in
der Abwesenheit von ihrem lieben Manne theil
an alle dem genommen, was derselbe im Dienst
des Heilandes zu thun hatte, und wie angelegentlich
sie für ihn gebetet, und ihn und seinen Dienst
dem Heiland ans Herz gelegt hat.
Auch ist aus diesen Unterredungen zu ersehen,
wie sie selbst durch den heiligen Geist darauf
gebracht wurden, schmerzlich einzusehen, daß die
Ursach von allen Störungen in ihren eigenen
seligen Gedankengange darinn liege, daß sie nicht immer
eine wahre arme Sünderin in ihren eigenen
Augen sey gewesen.
/// Ihrem lieben Manne, allen Geschwistern, sonder-
lich den Pilgern und Besuchenden, ja alle Menschen
nach Gelegenheit mit Freuden bey Tag und Nacht
unermüdet zu dienen, war ihre HerzensFreude
und ihr Leben.
Sie hatte keine Freudigkeit ihren Mann
zu Anfang dieses Jahres mit auf den Synodum nach
teutschland zu begleiten, wozu sie doch mit eingeladen
war, weil sie ihrer Kränklichkeit wegen auf See-
Reisen glaubte, daß sie ihm mehr zur Beschwerde
als Erleichterung seyn werde, entließ aber ihren
lieben Mann mit einem kindlich ergebnen Herzen.
Gegen das FrühJahr äusserte sich bey ihr eine grosse
Engigkeit auf der Brust, welche von Anfällen einer
Wassersucht herrührte.  Gott segnete aber den Gebrauch
der Arzneyen, so wol unsers hiesigen Medici, als
eines hier besuchenden Doctoris von Philadelphia,
der dabey consultirt wurde, daß sie gegen den
Sommer davon befreyet, und ihre gläubige Hofnung,
daß sie die Rückkunft ihres lieben Mannes erleben
würde, gestärkt wurde.
Allein im August Monat kam diese Krankheit
aufs neue heftig wieder, und ihre Kräfte nahmen
so ab, daß alle treue Bemühungen der Aerzte und alle mögliche Pflege ihrer Kinder und anderen Schwestern
die gewünschte Wirkung nicht mehr thaten.
Sie selbst fing an dran zu zweifeln, daß sie ihren
lieben Mann nach ihres Herzens Wunsch wieder sehen
würde, und sich darin  zu ergeben, der Heiland selbst
beruhigte sie darüber, und sie sagte: mit einem Ich
glaube, Er selbst wird auch meinen lieben Mann darüber
trösten, wenn Er mich zu sich heimruft.[4]
Am Chorfeste des Ehechors d. 7tn Sept. war sie so
schwach, daß sie alle Hoffnung aufgab, etwas auf
ihren Antheil am ChorAMhle zu bekommen.  Der Heiland schenckte ihr aber Abends eine Erleicht-
/// terung ihrer Brustbeschwerden, daß sie noch ihren
Antheil davon geniessen konte, und darauf nach
vielen schlaflosen Nächten einmal wieder eine
sanfte ruhigere Nacht wiewol in großer Schwachheit
hatte.  In derselben hörte man sie einmal in ihrer
Phantasie mit ihrem lieben Mann, als wenn sie
ihn gegenwärtig hätte reden, ihn bedauern, daß
er beynahe Schiffbruch erlitten, und zulezt zu
ihm sagen: Ich bin aber nun nicht mehr da, wenn
du komst,  der Heiland hat es gethan und der
wird dich darüber trösten.
Am 8tn Morgens in der 11tn Stunde gieng
auf einmal eine grosse Veränderung bey ihr
vor.  Ihre Vollendung trat nahte heran, dazu ihr noch mit vieler Herz Empfindung im Gefühl des
Friedens und der Nähe Jesu der Segen des HErrn
im Namen der Gemeine, der sie so herzl. gern
gedient hatte, u. ihre abwesenden lieben Mannes
konte ertheilt werden.  Und so gab diese Magd
Jesu ihren Geist auf in Jesu Hände; Ihres Alters
63 Jahr 11 Monat u. 13 Tage.


[1] selig und vergnügt zum Heiland inserted in ms

[2] Das folgende Jahr wurde ich in die Gemeine aufgenommen und kam auch zum heiligen Abendmahl.  Wie mir dabei zumute war, kann ich nicht mit Worten aussprechen inserted in margin

[3] Zwey ihrer Kinder, nämlich ein Sohn Jakob und eine Tochter Magdalena sind in Carolina gebohren.  Ihre in Pensylvania gebohrene Sohn Johannes und ihre Tochter Johanna war vor ihr zum Heiland gegangen. Sie hat von ihren Kindern 7 Enkeln erlebt inserted in margin

[4] Sie bewies sich übrigens bey allen Beschwerden sehr geduldig und ihr munterer Geist und kindliche frohe Muth war uns allen tröstl inserted in margin

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s