Margareth Barbara Seidner (1714-1796)

Unsre selige Schwester Margareth Barbara Seidner
hat folgendes von ihrem Lebenslauf hinterlaßen:
Ich bin geboren 1714 d. 9ten Apr. zu Grünwerth in
Franckenland, etwa eine Stunde von Wertheim.  Es war
eben der Grünedonnerstag, und am Charfreytag wur-
de ich getauft.  Mein seliger Vater Georg Seidner,
der ein Weingärtner und Bauer war, und meine
Mutter Anna Margretha, erzogen mich nach ihrer
Erkenntniß in der Furcht Gottes.  Der heilige Geist
hat schon in meiner zarten Jugend an meinem Herzen
gearbeitet, welches ich aber dazumal nicht recht ver-
stund, bis ich zu mehreren Jahren kam, und die Welt
und das Ihre lieb kriegte, ich konnte aber nie der
Sünde und den Dingen dieser Welt nachgehen, ohne
die größte Unruhe meines Herzens dabey zu em-
pfinden.  In meinem 26ten Jahr wurde ich durch
das Lesen in Arnt’s wahrem Christenthum zum
Nachdenken gebracht, und der heilige Geist gab mir
zu erkennen, daß ich in dem Zustand, worinnen
ich mich befand, nicht selig werden könnte.  Ich ging
einige Zeit in großer Verlegenheit über meinen
unseligen Zustand hin, bis ich bey Gelegenheit
mit <Geschw.> Lutzens bekannt geworden, welche 2 Töchter ///
auf dem Herrnhaag hatten.  Als sie merckten, daß
ich um meine Seligkeit bekümmert war, riethen sie
mir, mit ihnen einen Besuch auf dem Herrnhaag
zu thun <machen>, welches ich gerne annahm.  Ich reiste also 1742
im Monat Februar mit ihnen dahin; ich: bekam gleich im
Anfang einen tiefen Eindruck davon, daß dieses in Wahr-
heit ein Volck Gottes sey.  Ich hielt <auch> gleich um Erlaubniß
an, bey der Gemeine zu bleiben, welche ich auch zu meiner
Freude erhielt.  Nach einiger Zeit verlangten mich meine
Eltern wieder nach Hause, um meiner Mutter welche
kräncklich war, an die Hand zu gehen.  Mein Herz blieb
indeßen voll Sehnsucht und Verlangen, bald wieder in
die Gemeine zurück zu gehen.  Endlich ging mein Vater
selbst auf einen Besuch nach Herrnhaag, um zu sehen,
was das doch vor Leute seyn möchten, zu denen ich so gerne
gehen wollte.  Als er dahin kam, bekam er einen solchen
Eindruck davon, daß es wircklich ein Volck Gottes sey,
so daß er mir nicht nur behülflich war, wieder zur
Gemeine zu kommen, sondern sagte:  Wenn ich noch ledig
wäre, ginge ich gleich selbst dahin zum wohnen.
Nach manchem Druck und Spott, den ich darüber so
wol von meiner Mutter als meinen Cameraden ///
zu leiden hatte, kam ich durch Hülfe meines lieben
Vaters 1743 d. 28ten Dec. wieder auf dem lieben Herrn-
haag an, wo ich bald eingewohnte.  Ao 1744 d. 29ten Febr.
wurde ich in die Gemeine aufgenommen, wobey ich
mich dem l. Heiland aufs neue zu seinem ewigen
Eigenthum hingab.  Ich bat Ihn auch zugleich, mich nicht
eher zum heil. Abendmahl gelangen zu laßen, bis
ich mich gründlich kennen lernte, wer ich bin, und was
Er mir ist; damit ich nicht einmal gehen und das andere
mal zurück bleiben müste, wovor ich mich fürchtete, und
diese meine Bitte hat Er auch erhört.  1747 d. 21ten Apr.
genoß ich mit der Gemeine zum erstenmal das heil.
Abendmahl, was ich dabey gefühlt und genoßen, dazu
reichen keine Worte, und so hat mich der liebe
Heiland bey aller meiner Armuth, und vielen
Mängel und Gebrechen <(>auf unserm l. Herrnhag<)> <vergnügt>
selig erhalten, bis <ich> Ao 1750 nebst einer Collonne led.
Schwestern als Exulanten nach Zeyst abreiste, wo wir
3/4 Jahr verblieben.  Den lezten Monat vor unsrer
Abreise nach America hatten wir in dem l. Jünger-
Hause zu London ein gar seliges Chorabendmahl
gehabt, wobey mir unsaussprechlich wohl war,
welches ich, so wie das Sprechen des sel. Ordinarii ///
nie vergeßen werde.  1752 d. 25ten Dec. kamen wir unter
Begleitung der sel. Schw. Anna Johanna Seidel in Bethle-
hem an, und zwar am Abendmahlstag der Gemeine;
mein Herz war voll Lob und Dank, ja voll Schaam und
Beugung gegen den lieben Heiland für alles das
Gute und Selige, was Er mich die Zeit her hat ge-
nießen laßen.
So weit sie selbst.
Unsre selige Schwester übernahm 1762 die Garten-
und Vieh-Wirtschaft unsrer Chor-Oeconomie, welcher
Sie 24 Jahre mit großer Treue vorgestanden, Sie
genoß dabey eine gute Gesundheit, wovor sie dem
lieben Heiland oft recht herzlich danckte.  1786 im
July wurde sie vom Schlag gerührt, so daß Sie
ganz gelähmt wurde, durch angewandte Mittel
aber kam sie so weit zurechte, daß sie wieder ge-
hen konnte.  Gegen den lieben Heiland hatte sie
eine zärtliche Liebe, und Ihr Glück in einer Gemei-
ne Jesu zu seyn, wuste sie hoch zu schäzen, und so
verbrachte sie ihre Zeit die lezten 8 Jahre recht ver-
gnügt, und half wo sie konnte so viel ihre Schwach-
heit ihr zuließ, bis sie 1794 im Juny abermal ///
vom Schlag gerührt wurde, und die Krankenstube
ganz beziehen muste.  Der l. Heiland hatte sie
ofte zu trösten, zumal da ihr die Zeit zu Ihm zu
gehen manchmal zu lange werden wollte, und ihre
Sehnsucht darnach wurde auch immer stärcker.
Vor 2 Wochen kam der Zufall wieder, und sie
wurde auf der einen Seite gänzlich gelähmt,
so daß sie nun wie ein Kind muste gepflegt
werden, bis d. 27ten Abends 1/4 nach 9 Uhr der
selige Moment eintrat, da sie von ihren
Schmerzen erlöset worden, und ihre Seele unter
dem Segen der Gemeine und ihres Chores,
in die Arme ihres Erlösers überging, in
einem Alter von 81 Jahren 10 Monat u. etlichen Tagen

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